Jugendarbeitslosigkeit: Europas Schande


Jugendliche in Deutschland haben weitaus weniger Probleme auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, als anderswo in den europäischen Staaten – so zumindest der Anschein, wenn man sich nach den Zahlen der Jugendarbeitslosenquoten in der EU richtet. Während die Jugendlichen aus vielen anderen europäischen Ländern gegen die ausufernde Jugendarbeitslosigkeit kämpfen – hier allen voran die Südeuropäer – kann Deutschland leicht sinkende Zahlen in der Jugendarbeitslosigkeit verzeichnen.

In Europa ist die Jugendarbeitslosigkeit erschreckend hoch

Bereits 2011 rief der EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso in einer Rede zur Lage der Union 2011 dazu auf, dass es die dringlichste soziale Aufgabe sein, auf die Angst der Jugendlichen vor Arbeitslosigkeit zu reagieren. Auch heute fünf Jahre später ist das Thema Jugendarbeitslosigkeit noch immer eines der meistdiskutierten auf europäischen Gipfeln, Treffen der EU mit Sozialpartnern oder innerhalb von NGOs oder den Fraktionen des Europäischen Parlaments.

Die Arbeitslosenquote der 27 EU-Mitgliedsstaaten erreichte im Januar 2012 ein historisches Rekordhoch von 10,1 %, wobei die Jugendarbeitslosenquote im gleichen Monat mit 22,4 % sogar doppelt so hoch war. 2016 betrug die Zahl der jugendlichen Arbeitslosen zwischen 15 und 24 Jahre 21,2 % in der Eurozone und in der EU 18,8 %.

Allerdings bestehen zwischen den EU-Mitgliedsstaaten sehr große Unterschiede und das nicht nur 2012 sondern auch noch in 2016. Während in Deutschland 2012 eine Jugendarbeitslosenquote von 7,9 % vorlag, so ist diese 2016 auf 6,7 % gesunken. In der Schweiz betrug die Quote der arbeitslosen Jugendlichen in den letzten Jahren zwischen 3 und 4 %, wohingegen die Werte in Griechenland und Spanien bei knapp 50 % lagen. 2016 hat sich die Prozentmarke um einige Punkte verbessert und entsprach 46.1 % bzw. 44.4 %.

Zu diesen Zahlen muss hinzugezählt werden, dass manche Jugendliche beispielsweise unfreiwillig ihr Studium verlängern oder ein Praktikum absolvieren. Somit könnte die tatsächliche Jugendarbeitslosenquote noch viel höher liegen.

Wo sind die Ursachen der Jugendarbeitslosigkeit zu finden?

Warum es in manchen EU-Mitgliedsstaaten eine solch hohe Arbeitslosigkeitsrate gibt und in anderen nicht, dafür sind die Gründe sehr komplex und variieren je nach Mitgliedsstaat. Allerdings kann ein Zusammenhang zwischen dem Auftreten der Jugendarbeitslosigkeit und bestimmten Faktoren festgestellt werden, wie bspw. Bildung/Qualifizierung, Wirtschaftslage oder Missverhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt. Es zeigt sich zudem, dass bestimmte Gruppen von jungen Menschen von der Arbeitslosigkeit bedroht sind. Bei diesen handelt es sich um Jugendliche mit Migrationshintergrund oder Behinderung. Im Bezug auf den Zusammenhang zwischen Bildung und Jugendarbeitslosigkeit ist erkennbar, dass besonders die Jugendlichen, mit einem insgesamt besseren Bildungsstand besser gestellt sind als die weniger qualifizierten. Diese jungen Menschen sind einem hohen Risiko ausgesetzt, in die Arbeitslosigkeit zu rutschen. Aber dennoch stellt selbst eine bessere oder gute Qualifizierung keine absolute Garantie auf einen Arbeitsplatz dar.

In diesem Kontext ist besonders der deutliche Zusammenhang zwischen Schulversagen und ungünstigen sozioökonomischen Hintergrund problematisch. Das stellt der im Februar 2012 erschienene OECD-Bericht fest. In Deutschland ist dieser Zusammenhang noch deutlich ausgeprägter als in anderen OECD-Ländern. In dem Bericht werden zudem mögliche Maßnahmen zur Vermeidung von Schulabbruch und Schulversagen genannt sowie zur Herstellung eines chancengerechteren Bildungssystems. Des Weiteren geht der Bericht auch auf die Abschaffung der frühzeitigen Aufteilung von Schülern auf die verschiedenen Schultypen oder die Konzeption äquivalenter Bildungswege im Sekundarbereich II ein.

Für ein inklusives Bildungssystem, in dem die Vielfalt bzw. die Heterogenität als Normfall wertgeschätzt wird, setzt sich auch der deutsche Caritasverband ein. Schon 2011 wurde von dem Caritas Verband die Abschaffung des dreigliederigen Schulsystems und längere Zeiten des gemeinsamen Lernens empfohlen.

Auch an den oftmals prekären und atypischen Beschäftigungsverhältnissen (Befristete Verträge, Teilzeitarbeit, „Generation Praktikum“) lässt sich die schwierige Lage der jungen Menschen auf dem Arbeitsmarkt ablesen. Mit Beginn der Krise waren sie es, die aufgrund der prekären Beschäftigungsverhältnisse am leichtesten kündbar waren. Zudem gibt es eine weitere Entwicklung, die beunruhigt: Denn immer mehr junge Menschen haben keine Motivation mehr, nach einem Job zu suchen oder sie sind arbeitswillig, aber suchen einfach nicht nach einer Stelle.

Die Jugendarbeitslosigkeit ist ein europaweites Problem und über die Hälfte der EU-Bürger ist der Ansicht, dass die Beschäftigung mit Blick auf die jungen Menschen in der EU Vorrang haben müsste. Hier stellt sich die Frage, was Deutschland und die EU tun sollte/muss, damit das Problem der Jugendarbeitslosigkeit behoben werden kann.

Jugendarbeitslosigkeit – was wird getan?

In der Europäischen Union waren 2016 4.17 Millionen (Stand Oktober 2016) junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren arbeitslos. In der Eurozone waren es 2,94 Millionen (Okt.2016). Um diese Zahlen zu ändern wurde bereits vor rund vier Jahren die Jugendgarantie der Europäischen Union ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um ein Konzept der EU, um die Jugendarbeitslosigkeit in den Mitgliedsstaaten zu bekämpfen. Das Ziel ist es, alle unter 25-Jährigen innerhalb von vier Monaten nach Abschluss der Ausbildung oder nachdem sie arbeitslos geworden sind, (wieder) in den Arbeitsmarkt zu integrieren bzw. ihnen ein konkretes und qualitativ hochwertiges Arbeitsangebot zu unterbreiten. Dabei kann es sich um einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz handeln, aber auch um ein Praktikum oder eine Fortbildung. Von dem EU-Ministerrat wurde die Empfehlung für eine Jugendgarantie am 22. April 2014 angenommen und die EU-Mitgliedsstaaten haben sich mit der Einführung dazu, einen erfolgreichen Übergang junger Menschen in das Berufsleben zu garantieren.

Jeder Mitgliedsstaat hat im Rahmen der EU-Jugendgarantie einen nationalen Umsetzungsplan vorgelegt. Für die Umsetzung der Jugendgarantie sind strukturelle Reformen in verschiedenen Bereichen erforderlich, worunter auch das Ausbildungs-, Arbeitsvermittlungs- und Bildungssystem fällt, sowie die öffentliche Arbeitsverwaltung und die berufliche Aus- und Weiterbildung.

Beispielsweise wurden in Belgien und Rumänien eigene Beratungsstellen für die Jugendgarantie eingerichtet. In Polen wurde eine Freistellung von Sozialabgaben für beschäftigte unter 30 Jahren eingeführt und Spanien entwickelte ein duales Ausbildungssystem. Hier stieg die Anzahl der Auszubildenden von 4.292 (2013) auf 9.555 (2014).

Die Einrichtung von Jugendgarantien im Euro-Raum kostet 21 Milliarden Euro jährlich – nach Schätzung der internationalen Arbeitsorganisation. Die wichtigsten Finanzquellen der EU, um die Mitgliedsstaaten bei der Umsetzung der Jugendgarantie zu unterstützen, stellen der Europäische Sozialfond (EFS) und die Beschäftigungsinitiative für junge Menschen dar.

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